Kürzlich waren wir bei Tönnies – dem größten Schlachtbetrieb in Deutschland. Ein Termin, der uns schon Tage vorher Bauchschmerzen und schlaflose Nächte bescherte. Was würden wir zu sehen bekommen?

Täglich schlachtet Tönnies rd. 20.000 Tiere. Der Ablauf ist automatisiert.

Gemeinsam mit dem Tierwohlbeauftragten von Tönnies – einem Tierarzt – und unserem Ansprechpartner Abteilungsleitung Landwirtschaft, quälen wir uns erst mal in die unvermeidliche Schutzkleidung: Hose, Kittel, Gummistiefel, Haarnetz und eine Haube mit Mundschutz. Klar, wo Lebensmittel verarbeitet werden muss es natürlich extrem hygienisch zugehen. Deshalb sind auch an jeder Station Händedesinfektionsgeräte, die wir alle benutzen müssen, obwohl man seit der vorherigen Desinfektion überhaupt nichts angefasst hat. Aber lieber so, als dass irgendein Keim auf’s Fleisch kommt.

Hunderte LKWs halten täglich an der Rampe vor dem Gebäude und öffnen ihre Türen. Die Schweine werden über eine sanft ansteigende, rutschfeste Rampe in eine riesige Halle mit Buchten gebracht. Dabei werden Treibbretter benutzt, auf die – wenn nötig - geklopft wird. Außerdem sind die Arbeiter angehalten, mit den Schweinen zu sprechen und vorallem, sie gewaltlos anzutreiben. Das Klopfen auf die Treibbretter genügt, man muss die Schweine nicht schubsen, schlagen oder gar treten um sie in die jeweilige Bucht zu leiten. Die Tiere bleiben dann mit ihrer Gruppe für 1-2 Stunden in einer Wartebox mit Wasserberieselung und Nippeltränken um sich von dem Transport zu erholen.

Kranke oder verletzte Tiere werden direkt nach der Anlieferung separiert, damit man ihnen diese  Wartezeit erspart. Sie kommen in eine separate Box, wo eine Nottötung (Elektrobetäubung und sofortiges Ausbluten) stattfindet.  Das geschieht schnell und leise, die Tiere in der Nebenbox zeigen keine Anzeichen von Angst oder Stress.

Ein Bildschirm zeigt verschiedene Daten zu Landwirt, Transporteur, Anzahl Tiere, aktuelle oder frühere Gesundheitsprobleme (nach Organsystemen aufgeschlüsselt) u.a.  an. Dadurch hat ein kontrollierender Amtsveterinär direkt den Überblick und kann Rückschlüsse auf die Haltung ziehen.

Nach der Wartezeit öffnet sich die Box am hinteren Ende und kleinere Gruppen werden in Richtung Backloader getrieben. Wichtig ist das Laufen in der Gruppe, denn ein Schwein will normalerweise nicht einzeln laufen.  Statt Treibbrettern gibt es eine automatisierte Zuführung zum Backloader. Die lässt ein wenig Unruhe entstehen, aber alles in allem geht es auch hier angstfrei ab. Wie gut, dass die Tiere nicht wissen, dass es sich bei dem Backloader um eine Art Aufzug handelt, in den dann das Betäubungsgas eingeleitet wird.

Die Betäubung erfolgt bei Tönnies mit 93 % Kohlendioxyd (gesetzlich vorgeschrieben sind nur 80  % CO²) was mit etwa 10 Sekunden Atemnot und Schleimhautreizung einher geht. Andere Methoden wie Argon, Stickstoff-Schaum und Helium wurden bereits erprobt aber aus unterschiedlichen Gründen verworfen. Die Versuchsberichte von unabhängigen Instituten habe ich alle gelesen und es gibt wohl derzeit tatsächlich keine Alternative. Lediglich Helium ist komplett ohne diese 10 Sekunden Angst anzuwenden, allerdings sind die Tiere dadurch nur so kurz narkotisiert, dass die Gefahr, zu erwachen bevor sie tot sind, viel zu hoch ist. Derzeit laufen aber weitere Forschungen und man kann nur inständig hoffen, dass bald eine Methode gefunden wird die den armen Schweinchen auch diese 10 Sekunden Leid ersparen wird.

Die betäubten Tiere kommen per Förderband aus der Gaskammer, werden durch Ketten mit einem Bein an einen Haken gehängt (wenigstens wird der Haken nicht durch das Bein getrieben!), hochgezogen und automatisch weiterbefördert. Vor dem Aufhängen prüft ein Mitarbeiter per Lidreflexkontrolle ob das jeweilige Tier auch tatsächlich narkotisiert ist. Denn noch lebt es ja…

Ein paar Meter weiter wird es dann getötet. Ein schneller Stich in die Schlagader und das Blut schießt heraus. Der dort zuständige Mitarbeiter kontrolliert vorher ebenfalls per Lidreflexkontrolle die Betäubung bevor er das Ausbluten einleitet. Sollte er merken, dass bei einem Tier die Narkose schon nachgelassen hat – oder auch wenn er nur Zweifel hat - muss er das Band anhalten und eine Nachbetäubung (Elektro) durchführen. Um sicherzustellen, dass er das auch tut, gibt es Videokontrolle und andere Maßnahmen, mit denen seine Sorgfältigkeit überwacht wird.

Um sicher zu sein, dass das Ausbluten wirklich zum Tod geführt hat, misst eine spezielle Waage das Ausgangsgewicht des Schweins und das Gewicht nach Ausbluten. Falls hier weniger als 2 % Gewichtsverlust zu bemerken sind, muss das Ausbluten noch einmal durchgeführt werden.  Denn die nächste Station ist das Heißwasserbad, damit die Borsten entfernt werden können. Das Eintauchen ins kochende Wasser wäre für ein noch lebendes Tier entsetzliche Qual, deshalb wird hier doppelt und dreifach kontrolliert.

An der nächsten Station wird der Schlachtkörper dann eröffnet und die Innereien entfernt.

Schließlich erfolgt die Zerteilung. Einzelne Teile kommen in einzelne Kisten, z.B. Pfoten (für China). Insgesamt gibt es acht verschiedene Chargen zu berücksichtigen.

Die Teile, aber auch Schweinehälften und ganze Schlachtkörper, kommen dann ins Kühlhaus, von wo aus später die Verladung in die LKWs erfolgt.

Der Schlachthof ist riesig. Unglaublich viele Menschen arbeiten da. Es ist laut und blutig sobald man die Wartebereiche und den Backloader hinter sich gelassen hat. Was uns ein wenig tröstet ist die Tatsache, dass durch die vielen Sicherheitssysteme und die Überwachung weitgehend ausgeschlossen werden kann, dass die Tiere unter Angst, Panik oder Schmerzen leiden. Tönnies hat einen schlechten Ruf, weil eben so viele Tiere geschlachtet werden, auf der anderen Seite hat man dadurch aber genug Geld, um die Sicherheitseinrichtungen (wie z.B. die Waage, die kontrollierenden Mitarbeiter, die Videoüberwachung) zu installieren. Das können sich kleine Schlachthöfe gar nicht alles leisten.

Ein paar Tage später schauen wir uns auch noch solch einen kleinen Schlachthof an. Hier werden „nur“ etwa 1.000 Tiere pro Tag geschlachtet. Es gibt keine Gasbetäubung sondern jedes einzelne Tier wird mittels Bolzenschuss (Rind) oder Elektrozange (Schwein)  betäubt. Es gibt auch keine Waage, lediglich der Mitarbeiter prüft, ob die Tiere noch betäubt sind bevor er sie an die Haken hängt und ins Heißwasserbad befördert. Man lässt sich auf diesem kleinen Schlachthof viel mehr Zeit, dadurch ist vielleicht die Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere nicht unter der Prozedur leiden, ebenso gegeben. Aber eins ist klar: ganz egal wie „gut“ die Schlachtung gemacht ist, hier müssen Lebewesen sterben, weil die Menschen gerne Fleisch und Wurst essen. Weil sie es mögen – nicht, weil sie es brauchen! Das ist inzwischen in vielen Studien und durch vegan lebende Spitzensportler nachgewiesen: man kann sehr gesund und fit leben ohne Fleisch!

Was mich angeht: Der Gedanke, dass ein Tier wegen mir leiden und sterben muss, wäre mir unerträglich. Viel, viel unerträglicher als für den Rest meines Lebens auf Fleisch und Wurst zu verzichten!

Nachts habe ich von Schweinchen geträumt. Lebenden, die fröhlich auf einer Wiese umherrannten…